Desertec 2.0? Europas 170-Milliarden-Euro-Wette auf H2 aus Algerien
Wasserstoff (H2) wird als unentbehrlich für die Dekarbonisierung in Teilbereichen der Industrie, wie beispielsweise der Stahlerzeugung oder in Raffinerien, angesehen. Um ausreichend H2 zur Verfügung stellen zu können, sind – neben der Inlandserzeugung – Importe über verschiedene Korridore nach Österreich bzw. über Österreich nach Deutschland geplant. Eines der wichtigsten diesbezüglichen Projekte ist der sogenannte SoutH2 Corridor – siehe eingefügte Grafik
Über diese ca. 3300 km lange Route soll H2, welcher in Algerien und Tunesien erzeugt werden soll, über Italien nach Österreich und darüber hinaus nach Deutschland transportiert werden. Die geplante Erzeugungskapazität beträgt > 4 Millionen Tonnen H2/Jahr. In Italien sollen davon ca. 2,5 Mio. Tonnen, in Österreich ca. 0,165 Mio. Tonnen und in Deutschland ca. 1,4 Mio. Tonnen abgesetzt werden. Der Verbrauch in Österreich und der Transit nach Deutschland hat bedeutende Auswirkungen auf die zukünftige H2-Infrastruktur in Österreich. Um eine relativ kostengünstige H2-Infrastruktur in Österreich bereitstellen zu können ist es angedacht Teile der TAG- und WAG-Erdgasleitungen rechtzeitig auf H2-Transport umzustellen. Ebenso sind H2-Speicher in Österreich erforderlich. Stichwort: „Kapitaleffizienz“ = Tätigung der Investition in der richtigen Höhe zum richtigen Zeitpunkt.
Doch welcher Anstrengungen bedarf es in den anvisierten H2-Erzeugungsländern – bspw. Algerien – bzw. ist eine Realisierung dieses Gigaprojektes vor 2045 - 2050, selbst bei großer Zuversicht, machbar?
1. Gewaltiger Ausbau von Wind und Solar (PV)
Um > 4 Mio. Tonnen H2 in Algerien herstellen zu können ist eine Elektrolyseleistung von > 43 GW erforderlich. Um diese wahrhaft großen Anlagen dauerhaft mit grünem Strom versorgen zu können, benötigt man wegen der natürlichen Schwankungen von Sonne und Wind etwa die 2- bis 2,5-fache Menge an Stromerzeugungskapazität. Diese soll aus einer Kombination von PV – und Windkraftanlagen bereitgestellt werden. Dazu sind:
- Ca. 80 - 100 GW an Solar- und Windkraftanlagen in der Wüste zu errichten – eher 100 GW weil die spezifische Leistung von PV-Anlagen bei hohen Umgebungstemperaturen um ca. 0,4% je Grad Celsius über 25 °C abnimmt.
Der Vergleich: Algerien hatte zuletzt (Anfang 2026) erst wenige Hundert MW an Ökostrom installiert und plant bis 2035 den Ausbau auf 15 GW. Ein Sprung auf 100 GW dauert Jahrzehnte.
2. Verfügbarkeit bzw. Bau der Elektrolyseur-Technik
Ein einzelnes Projekt mit 43 GW würde die derzeitigen globalen Lieferketten komplett überlasten da:
die weltweite Elektrolyseurproduktionskapazität nur wenige Gigawatt beträgt;
Fachkräfte fehlen;
kritische Rohstoffe – wie bspw. Iridium oder Platin - noch nicht ausreichend vorhanden sind.
Somit würde so eine Anlage wahrscheinlich in modularen Blöcken (z.B. 5 GW-Schritte) errichtet werden. Unternehmen wie Siemens Energy planen angeblich die Produktion von Elektrolyseuren nach Algerien zu verlegen. Der Aufbau solcher Hightech-Fabriken vor Ort dauert mehrere Jahre.
3. Wasserknappheit in der Wüste sowie Lieferkettenherausforderungen
Elektrolyseure spalten Wasser (H₂O). Algerien ist jedoch ein sehr trockenes Land somit müsste man:
- riesige Meerwasserentsalzungsanlagen an der Küste bauen und das Wasser über viele Kilometer lange Pipelines in die Wüste zu den Elektrolyseuren pumpen. Für ein 43-GW-Elektrolyse-Projekt in Algerien benötigt man jährlich rund 40 Millionen Kubikmeter (m³) hochreines Wasser (was etwa 90 bis 100 Millionen m³ Meerwasser zur Entsalzung erfordert)
- Straßen, Häfen und Schwerlaststrecken für den Transport zehntausender Tonnen an Material (Rotorblätter, Transformatoren, Elektrolyse-Stacks) ertüchtigen bzw. neu bauen.
4. Verkabelung und Kompressoren
Der Strom aus den weit verstreuten Wind- und Solarparks muss über Hochspannungsleitungen „gesammelt“ werden. Die benötigte Fläche für Windkraft- und PV Anlagen entspricht ca. 3000 km2 – also in etwa der Fläche des Burgenlandes. Nach der H2-Produktion muss das Gas in Kompressorstationen verdichtet werden, damit es über den geplanten SoutH2 Corridor nach Europa strömen kann. Der Bau der Kompressorstationen dauert pro Station ca. 2 bis 3 Jahre. Natürlich kann man in parallel mehrere Kompressorstationen bauen aber dann bindet man noch viel mehr Fachkräfte und andere, benötigte, Ressourcen
5. Festlegung der Qualitätsanforderungen und Kostentragung
Bisher ist die erforderliche Wasserstoffreinheit noch nicht festgelegt worden – wie auch noch viele Änderungen der rel. Gesetze (siehe Projekt HyLaw) erforderlich sind. Diese Herausforderungen wurden bereits 2018 in Linz diskutiert – der diesbezügliche Fortschritt ist bisher eher verhalten.
Das Thema Cross Border Cost Allocation ist auch noch weit von einer Einigung entfernt.
6. Fazit
Wenn heute die politische Entscheidung getroffen und die Investition (schätzungsweise 120 bis 170 Milliarden Euro) beschlossen werden würde, zusätzlich die erste Überweisung eines ziemlich hohen Milliardenteilbetrages großen Teilbetrages morgen erfolgen würde, könnten die ersten großen Mengen – ca. 500 000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr – anstatt der angedachten 4,1 Mio. Tonnen - nach etwa 8 bis 11 Jahren fließen. Diese 500 000 Tonnen würde de facto in Italien „hängen“ bleiben – also kein Wasserstoff nach Österreich strömen um in weiterer Folge in Österreich verbraucht bzw. nach Deutschland transitiert zu werden. Die vollen > 4 Mio. Tonnen H2 wären kaum vor 2045 bis 2050 im industriellen Dauerbetrieb verfügbar. In dieser Aussage ist schon viel Optimismus enthalten.
Aus genannten Gründen erscheint es sinnvoll zu sein in Österreich zuerst den Fokus auf die lokale bzw. regionale H2-Erzeugung zu legen („Anlauf zum Hochlauf“ der Wasserstoffwirtschaft) – zumal die Preise für importierten H2 am Werktor des H2-Kunden nicht geringer als die für im Inland erzeugten Wasserstoff ausfallen werden – wenn man alle Kalkulationsparameter entsprechend berücksichtigt.
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