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A tutto gas
Venezuela – kommt jetzt US Big Oil?

Ist die Vorstellung realistisch, dass amerikanischen Öl-Multis nun massiv in Venezuela investieren werden? Eine Analyse

von Alfred Schuch
12.01.2026

Kurz zusammengefasst lässt sich die Frage, ob die amerikanischen Öl-Multis in den Wiederaufbau/Verbesserung der Erdölproduktionsanlagen  in Venezuela im großen Stil investieren werden, mit „eher nicht“ beantworten. Um diese Antwort nachvollziehen zu können erscheint zuerst ein geschichtlicher Rückblick hilfreich zu sein. 

In Venezuela wurde seit den 1930er-Jahren – vorwiegend durch internationale Unternehmen - Erdöl gefördert. Dadurch wurde Venezuela reich. Es war in den 70er Jahren auf Pro-Kopf-Basis das reichste lateinamerikanische Land. In den 80er Jahren folgte der Niedergang der Erdölproduktion. Um diesen Niedergang entgegenzuwirken öffnete eine wirtschaftsliberale Regierung das Land in den 90er Jahren für private Investoren und lud internationale Ölunternehmen ein, zu investieren. Relevante US-Unternehmen haben - zu sehr vorteilhaften Bedingungen, wie beispielsweise fast keine Steuern und Abgaben auf ihre Öleinnahmen - massiv investiert und den Erdöloutput auf ca. 3,5 Millionen Barrel pro Tag getrieben. Da im Venezuelas Staatshaushalt so gut wie nichts von diesem Erdölreichtum hängengeblieben ist, hat Hugo Chavez die Steuern und Gebühren in den 2000er-Jahren graduell erhöht und ausländische Firmen später gezwungen mit dem nationalen Ölunternehmen Petróleos de Venezuela SA (PDVSA) zusammenzuarbeiten -  wobei PDVSA die Mehrheitsbeteiligung zufiel. Insbesondere die US-Unternehmen Exxon und ConocoPhilips haben diese Forderung zurückgewiesen, das Land verlassen und Venezuela vor dem außerstaatlichen internationalen Schiedsgericht verklagt. Das Gericht hat den Unternehmen hohe Entschädigungen zugesprochen – welche Venezuela jedoch nicht anerkannt hat. Dies mit dem Argument, dass die vorherige Regelung gegen die venezolanische Verfassung verstieß und der venezolanische Staat das Recht hatte, Steuern zu erhöhen und die Regeln zu ändern - so wie es andere souveräne Staaten auch machen. Aber Venezuela ist ein hoch verschuldetes Land. US-amerikanische Ökonomen schätzen, dass sich die Schulden bei China und anderen auf 100 bis 200 Milliarden US-Dollar belaufen könnten. Die Schlange der Gläubiger scheint lang zu sein. Nicht nur amerikanische Öl-Multis wollen Geld zurück. Das schrittweise Versiegen der venezulanischen Erdölproduktion wurde unter Nicolas Maduro – basierend auf Misswirtschaft, ausständigen Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen und angeblicher Korruption – fortgeführt; der Outcome ist in der Branche hinlänglich bekannt.

Venezuela wird zwar oft als das Land mit den größten Erdölreserven genannt aber das muss man relativieren: Erdölreserven, die technisch gewonnen werden können, sind nicht automatisch ökonomisch. Das in Venezuela geförderte Erdöl ist sehr sauer, schwer und die Förderung ist teuer. Der Anwendungsbereichs liegt beispielsweise in der Asphaltherstellung. Ob die Förderung – unter Einbeziehung von Ersatz- und Neuinvestitionen - bei den aktuellen Ölpreisen rentabel ist, ist unklar aber eher mit nein zu beantworten – zumal die Erdöl- als auch Erdgasproduktionsanlagen sich in einem desolaten Zustand befinden müssen. Diese Schlussfolgerung lässt sich aus den relevanten Methanemissionsdaten für Venezuela ziehen.

Satellitenbilder – siehe nachstehend eingefügte Grafik (Quelle: Kayrros SAS, verarbeitetes L1B-Bild des EMIT-Instruments von NASA/JPL-Caltech an Bord der ISS) - weisen enorme Mengen Methan,  die aus den verlassenen Ölplattformen, verrosteten Erdgaspipelines und anderer erdöl- bzw erdgasrelevanter Infrastruktur des Landes austreten, nach.

Wiederkehrende Methan Emissionen sind für Öl- und Gasunternehmen ein Warnsignal,  da sie ein Indiz dafür sind, dass Anlagen sich in einem desolaten Zustand befinden und auch nicht ordnungsgemäß betrieben werden.

Gem. dem britischen Unternehmen Capterio Ltd., das sich für die Reduzierung solcher Methanemissionen einsetzt, werden ca. 13 Milliarden Kubikmeter venezolanisches Erdgas jährlich abgefackelt, abgeleitet oder gelangen auf andere Weise in die Atmosphäre. Dadurch gehen potenzielle Einnahmen in Höhe von etwa 1,4 Milliarden US-Dollar verloren. Etwa ein Viertel der venezolanischen Gasproduktion entweicht in die Atmosphäre – die höchste Rate weltweit und fast zehnmal so hoch wie der globale Durchschnitt – so die Satellitenanalysen die letzten Monat von Nature Communication veröffentlich wurden. Venezuelas Methanproblem rührt größtenteils von Erdölbegleitgas her, das neben dem wertvolleren Erdöl gefördert wird. PDVSA verfügt nicht über genügend Pipelines, Speicherkapazitäten oder eine Anlage zum Export von Flüssigerdgas, um den Überschuss aufzufangen und zu transportieren. Daher wird das nicht verarbeitbare Erdölbegleitgas abgefackelt, abgeleitet oder entweicht einfach.

Wie bereits erwähnt, sind diese großen und anhaltenden Methanwolken auch ein starker Indikator dafür, dass die vorhandene Infrastruktur aufgrund nicht ausreichender Maintenance,  jahrelanger Unterinvestitionen und Diebstahl rapide verfällt und stark leckt.  Für jeden Betreiber der eine Investition in diesem Sektor in Venezuela in Betracht zieht, stellen diese Methanemissionen die größte Herausforderung dar da die bestehenden Systeme wahrscheinlich mit hohen Kosten repariert werden müssen und über Jahrzehnte hinweg umfangreiche Wartungsarbeiten erfordern. Diese Befürchtungen werden durch die Methanintensitäts- (kg Methanemissionen je geförderter Gigajoule) und absoluten Methanemissionsdaten (in Mio. Tonnen), welche von der IEA veröffentlicht werden, gestützt – siehe nachstehend eingefügte Grafik. Die absoluten Methanemissionsdaten sind in Relation zu den in Venezuela geförderten Mengen an Erdöl und Erdgas zu setzen.
 

Die Wiederherstellung der nationalen Ölproduktion auf ihren Höchststand von ca. 3,5 – von derzeit ca. 1,0 -1,1 - Millionen Barrel pro Tag, würde teuer werden. Gemäß dem Baker Institute for Public Policy der Rice University, müssten Unternehmen in den nächsten zehn Jahren geschätzt ca. 100 Mrd. US$ investieren um dieses Produktionsniveau zu erreichen. 

Die Emissionen spiegeln nicht nur potenzielle Einnahmeverluste wider, sondern dürften auch die großen US-Ölkonzerne dazu veranlassen, ihre Aktivitäten in Venezuela zu überdenken. Dies könnte dazu führen, dass kleinere, weniger erfahrene Unternehmen und Private-Equity-Firmen versuchen, den Plan von Präsident Trump zur Wiederbelebung der Schweröl-produktion des Landes umzusetzen. Kleinere Produzenten haben jedoch oft Schwierigkeiten, ihre betrieblichen Emissionen ohne starke politische Anreize zu reduzieren und es ist für diese viel schwieriger  die für eine vollständige Modernisierung der Infrastruktur erforderlichen Großinvestitionen aufzubringen. Wie schlimm die Situation wirklich ist würde sich erst während des Hochfahrens der Produktion herausstellen – es könnte sich auch um tickende Zeitbomben handeln.

Wenn man die Qualität des Erdöls, den Zustand der relevanten Energieinfrastruktur, den niedrigen Erdölpreis, die Wachstumsrate des weltweiten Erdölverbrauchs (die Wachstumsrate des Erdölverbrauch ist sehr gering geworden und es ist in absehbarer Zeit von einem Erdölverbrauch-Peak auszugehen) und den hohen Schuldenstand – insbesondere die Schulden an China – des Landers, samt daraus möglichen, politischen Konsequenzen in Betracht zieht, dann werden die namhaften Öl-Multis in Venezuela eher nicht im großen Stil investieren. Es ist ebenfalls zu berücksichtigen, dass die Trump-Administration in drei Jahre Geschichte sein könnte und die Nachfolger andere Ziele verfolgen könnten – somit erscheinen auch aus diesem Blickwinkel die Investitionen – zumindest in der genannten Höhe – fraglich.