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A tutto gas
Sind die strategischen Erdgasreserven in Österreich noch zeitgemäß?
von Alfred Schuch
19.01.2026

In der österreichischen Politik wird derzeit diskutiert ob strategische Gasreserven fortan noch immer notwendig sind – und falls ja, wo diese gelagert werden sollten. Die Infragestellung der im Jahr 2022 angelegten strategischen Erdgasreserven ist wahrscheinlich vor dem Hintergrund klammer Staatskassen und der Möglichkeit Erlöse durch den Verkauf derselben, zu sehen. Selbstverständlich ist es wichtig und notwendig, dass die Regierung mögliche Einspar- aber auch Erlöspotenziale identifiziert und diese - wenn sinnvoll - auch umsetzt; die Betonung liegt auf sinnvoll.

Die Erfordernis und Lokation von strategischen Gasreserven sollte unter Berücksichtigung nachstehend genannter Perspektiven und Argumente bewertet werden: 

  • Kann die  Erdgas- und folglich auch Stromversorgungssicherheit, bei Einbeziehung der nachstehend angeführten Szenarien – die nicht auszuschließen sind - kurz-, mittel- und langfristig sichergestellt  werden:
    • Präsident Trump, der ja für seine erratische Politik bekannt ist, belegt die US-LNG Exporte nach Europa mit einem Exporttarif  oder schränkt diese ein um die Europäer zum Einlenken hinsichtlich Grönland zu bewegen (zu zwingen); dies unter Einbeziehung der Reaktionsmöglichkeiten des weltweiten LNG-Marktes. In anderen Worte, wie und in welcher Reaktionszeit würden sich die LNG-Ströme an solche Exporttarife und an mögliche Restriktionen hinsichtlich US-LNG-Lieferungen anpassen;
    • zumindest eine der 5 Pipelines von Norwegen in die EU [3 nach Deutschland - davon eine über die Niederlande nach Deutschland, eine nach Belgien und eine nach Frankreich) und oder zumindest eine der Pipelines von Norwegen nach Großbritannien "versehentlich" stark beschädigt und außer Betrieb genommen werden müssen - in Analogie zu den "nicht absichtlich", kürzlich erfolgten, Beschädigungen von Unterseekabeln;
    • zwar sind in Deutschland überschüssige Regasification-Capacities vorhanden, jedoch reicht derzeit die Ableitungskapazität der angeschlossenen Down-Stream-Pipelines nicht aus, um die Erdgasbedarfsspitzen abzufangen (die diesbezüglichen  Rohrleitunskapazitätsengpässe in Deutschland werden sich ab 2027/2028 entspannen – so die Planung). Österreich wird derzeit vorwiegend über Deutschland mit Erdgas versorgt. Die derzeit für Österreich notwendigen Transportkapazitäten sind durch sogenannte Frei zuordenbare Kapazitäten (FZKs) abgesichert jedoch könnte es im Fall vom Versorgungskrisen zu Vertragsuntreue kommen.
  • Würde eine Auslagerung der strategischen Gasreserven in die Slowakei oder in Speicher, die zwar auf österreichischem Territorium liegen aber deren Leistungen für die Versorgung von Deutschland kontrahiert wurden,  auch mittel- bis langfristig zielführend sein? Dies auch dann wenn man, neben den möglicherweise kurzfristig erzielbaren Einsparung aufgrund geringerer Erdgasspeicherkosten, folgende Rahmenbedingungen in Betracht zieht:
    • die Erfahrungen aus der CoV-Krise, als nicht einmal die Lieferung von Atemschutzmasken von Deutschland nach Österreich - primär aufgrund von Exportverboten - smooth erfolgte, zeigten, dass in der Not einem das Hemd näher als der Rock sein könnte;
    • manche politische Repräsentanten in Nachbarländern  oft von der EU-Linie abweichen und sich eher an der Russischen Föderation orientieren;
    • die Nichtkontrahierung von Erdgasspeicherkapazitäten führt aus ökonomischen Gründen zur Schließung derselben.  Im Falle einer notwendigen Wiederinbetriebnahme solcher Erdgasspeicher würden große technischen Hürden zu überwinde sein; diese Gründe sind lagerstätten- und anlagentechnisch bedingt und würden zu hohen Wiederinbetriebnahmekosten führen. Möglicherweise würden auch die ursprünglichen Speicherleistungen reduziert werden. Dieser Aspekt ist insbesondere vor dem Hintergrund der geplanten, zusätzlichen - anfänglich mit  Erdgas befeuerten - Kraftwerke in Deutschland zu sehen. Diese zusätzlichen Kraftwerke werden wahrscheinlich vorwiegend im Süden Deutschlands arbeiten. Das bedeutet, dass im Fall von Dunkelflauten diese erdgasbefeuerten Kraftwerke die Stromversorgung in Deutschland in diesem Zeitraum übernehmen bzw. unterstützen müssten. Dies würde zur Folge haben, dass die derzeit vorhandenen Transport-kapazitäten der Rohrleitungen in Deutschland womöglich nicht ausreichen würden – ganz zu schweigen vom zusätzlichen Erdgastransit  nach Österreich. Schon derzeit ist es so, dass der erforderliche Mindestbetriebsdruck in den Pipelines im Süden Deutschlands in bestimmten Situationen nur durch die Einspeisungen aus den österreichischen Erdgasspeichern, die für den deutschen Markt kontrahiert sind, gehalten werden kann. Österreich wird sich ab der Fertigstellung einer gewissen Anzahl von in Deutschland geplanten erdgasbefeuerten KWs mangels Transitkapazität in Deutschland vermutlich eine geänderte Erdgasspeicherwiederbefüllungsstrategie überlegen müssen - dies trotz - wie geplant – eines zukünftig rückläufigen Erdgasbedarfs.
  • Wäre eine langfristigere - also länger als ein Jahr - Kontrahierung von für Österreich gedachten, strategischen Erdgasreserven, in für Österreich zugeordneten Speicherkapazitäten kostensparender? Dies deswegen weil eine jährliche Vertragsverlängerung für jeweils ein weiteres Jahr  die teuerste Form der Speicherung ist – üblicherweise senken längere Verträge die Speicherkosten signifikant. Die Vertragslänge sollte zumindest 2 Jahre  - oder besser - bis zum Ende der Trump-Administration und des russischen Angriffskrieges betragen.  
  • Würde eine kurzfristige Auflösung der strategischen Erdgasreserven zu einem signifikanten Wertverfall derselben führen?  Es würden zusätzlich hohe Mengen an Erdgas auf den Markt kommen die üblicherweise den Preis drücken. In den Sommermonaten dieses Jahres – also in der Erdgasspeicherwiederbefüllungsphase für die Wintersaison 2026/2027 – würde sich der Erdgaspreis in Abhängigkeit:
    • des Speicherfüllstandes mit Ende der diesjährigen  Auslagerungsperiode (ein niedriger Speicherfüllstand würde zu einem größeren Bedarf an Erdgas führen um die Speicher für den Winter 2026/2027 ausreichend befüllen zu können);
    • der Weltwirtschaftslage – eine schlechte Wirtschaftslage dämpft die Erdgasnachfrage;
    • der rechtzeitigen Verfügbarkeit zusätzlicher, weltweiter LNG-Liquefaction-Kapazität im Sommer 2026 und danach,
  • entwickeln aber die Zusatzmengen bei Auflösung der strategischen Erdgasreserve im Jahr 2026 würden den Erdgaspreis im Falle von Niedripreisen weiter nach unten drücken oder der Erdgaspreis würde in einer Hochpreisphase zumindest nicht so stark steigen. Hier stellt sich die Frage ob der Wertverlust der strategischen Erdgasreserven – somit Erlösminderung aus der Sicht des Staates – durch den volkswirtschaftlichen Nutzen eines günstigeren Erdgaspreises zumindest aufgewogen werden würde.

All diese Überlegungen sind – im Falle eines Erdgas- und auch Strommangels in der Wintersaison 2026/2027 - vor dem Hintergrund von vermutlich starker, negativer  Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft, die derzeit ohnehin schwächelt,  und noch viel wichtiger – vor dem Background wie die Bevölkerung bei Versagen von Heizungen und Stromquellen reagieren würde – anzustellen. In der Wintersaison 2025/2026 ist die Erdgasversorgung sichergestellt, da die strategische Erdgasreserve ca. 25% des österreichischen Erdgasjahresverbrauches ausmacht und dadurch die geschützten Kunden auch im Worst case-Szenario sicher versorgt werden könnten.