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Daily News
Der Iran-Konflikt und Auswirkungen auf den Energiemarkt

Interview mit Alfred Schuch

09.03.2026

Bedeutung der Straße von Hormus

power2market: Herr Schuch, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen. In den letzten Tagen ist die Straße von Hormus stark in den Fokus der internationalen Medien gerückt. Warum ist diese Meerenge so bedeutend für den globalen Energiehandel?

Alfred Schuch: Vielen Dank für die Einladung. Die Straße von Hormus ist eine etwa 160 Kilometer lange Meerenge, die an der schmalsten Stelle rund 40 Kilometer breit ist. Die tatsächliche Fahrrinne für große Tanker ist sogar noch deutlich enger. Diese Passage verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und letztlich mit dem Arabischen Meer. Rund um den Persischen Golf liegen Länder, die einen erheblichen Anteil der weltweiten Energieversorgung sicherstellen. Etwa 25 % des weltweit seetransportierten Erdöls sowie rund 20 % des globalen LNG-Handels passieren diese Meerenge. Das zeigt, wie zentral diese Route für die globale Energieversorgung ist.

Globale Auswirkungen einer Blockade

p2m: Viele dieser Energielieferungen gehen vor allem nach Asien. Könnte man also sagen, dass Europa weniger betroffen wäre?

AS: Auf den ersten Blick könnte man das meinen. Ein Großteil der Lieferungen geht tatsächlich nach China, Indien, Japan oder Südkorea. Allerdings funktioniert der Energiemarkt global. Egal ob Erdöl oder Erdgas in Form von LNG – alle Märkte sind miteinander verknüpft. Eine Blockade der Straße von Hormus hat daher weltweite Auswirkungen auf Energiepreise und Versorgungssicherheit, auch in Europa.

Weitere Gütertransporte durch die Meerenge

p2m: Sie haben auch darauf hingewiesen, dass nicht nur Öl und LNG durch diese Route transportiert werden. Welche weiteren Güter spielen eine Rolle?

AS: Neben Rohöl werden auch zahlreiche Erdölprodukte transportiert – etwa Benzin, Diesel oder LPG (Liquid Petroleum Gas). Auch Chemikalien und petrochemische Produkte werden über diese Route verschifft. Die Straße von Hormus ist damit eine zentrale Lebensader für den Welthandel, insbesondere für die Energieversorgung aus dem Nahen Ostens - folglich auch für Europa und Asien.

Energieinfrastruktur im Nahen Osten

p2m: Neben den Transportwegen spielt auch die Infrastruktur eine wichtige Rolle. Welche Energieanlagen in dieser Region sind besonders relevant?

AS: Im Nahen Osten befinden sich zahlreiche Ölraffinerien, LNG-Liquefaction-Anlagen und die erforderlichen Öl- bz LNG-Verladeterminals. Besonders bedeutend ist Katar, das, gemeinsam mit dem Iran, über das größte Gasfeld der Welt verfügt (Bezeichnung der gemeinsamen Erdgaslagerstätte: South Pars im Iran und North Field in Katar). Katar spielt eine zentrale Rolle für die globale LNG-Versorgung.
Viele dieser Anlagen für die Energieversorgung relevanten Anlagen liegen rund um den Persischen Golf. Das bedeutet, dass ein Großteil der dort produzierten Energieträger über die Straße von Hormus auf den Weltmarkt transportiert werden muss.

Angriffe auf Energieanlagen

p2m: In den letzten Tagen gab es Berichte über Angriffe auf Energieanlagen. Welche Infrastruktur ist besonders gefährdet?

AS: Ich bin zwar kein Militärexperte, aber aus energetischer Sicht sieht man klar, dass vor allem Raffinerien und Verladeterminals im Fokus stehen.
Eine besonders bekannte Anlage ist das LNG-Verflüssigungsterminal Ras Laffan in Katar.
Das ist ein enorm großer Industriekomplex. Das Herunterfahren solcher Anlagen dauert bereits lange – das Wiederhochfahren nach einem Angriff kann Tage oder sogar Wochen dauern, bis wieder volle Produktionskapazität erreicht wird.

Gibt es Alternativen zur Straße von Hormus?

p2m: Angesichts dieser Risiken stellt sich die Frage: Gibt es alternative Transportwege für Öl und Gas?

AS: Teilweise ja, aber die Kapazitäten sind begrenzt. In Saudi-Arabien gibt es beispielsweise eine Pipeline (East-West-Pipeline) vom Persischen Golf zum Roten Meer mit einer Kapazität von ca. 5 Mio. Barrel/Tag. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über eine Pipeline (Habshan-Fujairah-Pipeline) Richtung Oman mit einer Kapazität von ca. 1,5 Mio. Barrel/Tag.
Allerdings reichen diese Alternativen nicht aus, um die ca. 20 Mio. Barrel/Tag Mengen zu ersetzen, die normalerweise über Tanker durch die Straße von Hormus transportiert werden.

Auswirkungen auf Energiepreise

p2m: Kommen wir zu den wirtschaftlichen Auswirkungen. Welche Entwicklungen sehen wir derzeit bei den Energiepreisen?

AS: Bei Erdgas sehen wir aktuell einen sehr starken, noch steileren, Preisanstieg als bei Rohöl bzw. Ölprodukten.
Ein Grund dafür ist, dass LNG schwieriger zu lagern ist als Erdöl. Zwar gibt es LNG-Tanks, aber deren Speicherkapazität ist begrenzter als die Erdölspeicherkapazität und deutlich teurer.
Beim Erdöl wirken außerdem strategische Reserven dämpfend. Viele Länder verfügen über sogenannte 90-Tage-Notfallreserven, wodurch kurzfristige Preisspitzen teilweise abgefedert werden können. 
Die derzeitigen Preisspitzen (> 100 $/Barrel bzw. > 65 €/MWh) scheinen bereits einen "Angstzuschlag" vor einem langen Krieg eingepreist zu haben.

Szenario: Blockade der Straße von Hormus für ein Jahr

p2m: Sie haben auch ein Szenario analysiert, bei dem die Straße von Hormus für ein Jahr blockiert wäre. Was würde das konkret bedeuten?

AS: Wenn Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre LNG-Exporte für ein Jahr nicht mehr über die Straße von Hormus transportieren könnten, würden rund 110 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr weniger am Weltmarkt verfügbar sein. Neue LNG-Kapazitäten – etwa in Nordamerika oder Ozeanien – könnten einen Teil dieser Mengen kompensieren. Trotzdem würden etwa 86 Milliarden Kubikmeter weniger Erdgas am Weltmarkt zur Verfügung stehen.

Auswirkungen auf verschiedene Regionen

p2m: Wie würden sich diese Mengenverluste regional auswirken?

AS: Wenn man die Reduktion proportional verteilt, würde Europa rund 30 Milliarden Kubikmeter weniger Gas erhalten.
China würde etwa 25 Milliarden Kubikmeter verlieren, Südasien etwa 16 Milliarden und Japan, Korea sowie Taiwan etwa 14 Milliarden Kubikmeter.  Wie gesagt, dies berücksichtigt noch nicht die Verteilung die sich durch steigende Erdgaspreise ergeben würde/wird.

p2m: Welche Auswirkungen hätte das auf die Gaspreise?

AS: Wenn man berücksichtigt, dass gleichzeitig Gas eingespart wird – etwa durch erneuerbare Energien und Effizienzmaßnahmen – würde der globale Gasmarkt etwa 43 Milliarden Kubikmeter weniger Angebot haben. Das würde einen deutlichen Preisanstieg auslösen. In Japan könnten die Preise etwa 85 €/MWh erreichen. Am europäischen Markt – etwa am TTF – etwas darunter. In Österreich könnten wir aufgrund zusätzlicher Transportkosten bei rund 87 €/MWh landen.

p2m: Danke Herr Schuch. Wir hören und vielleicht sehen uns in den nächsten Tagen wieder.
 

Das Interview führte Andreas Forster.